FLIEG ICH
von Petra Schmidt Dreyblatt, Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin des BBK Brandenburg
Carola Czempik: FLIEG ICH 10. Januar bis 15. Februar 2026
Der Ausstellungstitel Flieg ich ist kein Zitat, und dennoch ein erster Verweis auf das
lyrische Werk von Rose Ausländer (1901 Czernowitz – 1988 Düsseldorf) und Paul
Celan (1920 Czernowitz – 1970 Paris), deren fragmentierte, existenzielle und
bildhafte Sprachhaltung von Verlust, Erinnerung und Zeugenschaft die künstlerische
Arbeit von Carola Czempik immer wieder begleitet.
Rose Ausländer und Paul Celan haben das Ghetto in Czernowitz überlebt. Dort
lernten sie sich kennen und begannen einen lyrischen Dialog. Sie sind zentrale
Stimmen der deutsch-jüdischen Nachkriegsliteratur, deren unverwechselbare Lyrik
aus der Erfahrung von Shoah, Exil und Sprachverlust erwachsen ist.
Im Titel der Ausstellung schwingt eine tiefe poetische Resonanz. Wie bei Celan
verweist das Bild des Fliegens auf Grenzen, Sprache und das Schweben zwischen
Sein und Nichtsein, zwischen Entgrenzung und Transzendenz. Bei Rose Ausländer ist
die Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbehauptung und Überleben in den Vogel- und
Luftmotiven ihrer Lyrik deutlich hörbar.
Carola Czempik greift diese Assoziationen auf, ohne sie zu zitieren.
Flieg ich verbindet die existentielle Bewegung Celans und die klare, unmittelbare
Hoffnung Ausländers in einem eigenen künstlerischen Raum zwischen Zerbrechen
und Aufbruch, Schweben und Ankommen, zwischen innerem Drang und äußerer
Welt. Flieg ich ist ein poetisches Fragen nach Freiheit, Erinnerung und Existenz –
genau der Raum, den Carola Czempiks Arbeit eröffnet.
In den Malereien FLIEG ICH ruhen pastellige Bildgründe, auf denen
durchscheinende Kleidungsstücke und zarte Kleidchen geisterhaft schweben. Die
Körper sind bereits entschwunden, aufgelöst, ausgelöscht; was bleibt, sind figurative
Elemente die langsam in die Tiefen des Bildgrunds fallen und nur noch als flüchtige
Präsenz nachklingen. Carola Czempiks künstlerische Praxis basiert auf einem dialogischen Verhältnis von
Material, Bildraum und Bedeutung. Pigmente, Mineralien, Salz, Wachs, Acryl,
Gesteinsmehle, Tonerde, Grafit, Kunststoff und textile Elemente wie
Baumwollgazen, Flachs, Garn, Spitze sind materialisierte Träger von Zeit, Erinnerung
und Erfahrung. Durch Schichtungen, Übermalungen und Fragmentierungen
entstehen Bildräume, in denen sie Geschichte als Sediment und nicht als lineare
Erzählung künstlerisch übersetzt. In Malerei, Papierarbeiten und Installationen
thematisiert die Künstlerin Traumata der deutschen und europäischen Geschichte ––
insbesondere die Shoah und Eugenikverbrechen – jenseits dokumentarischer
Repräsentation. Die Arbeiten verhandeln geradezu sinnlich künstlerisch Erfahrungen
von Verlust, Gewalt und Erinnerung.
Ein Teil der Werke dieser Ausstellung verweisen in ihren Titeln unmittelbar auf das
lyrische Werk von Rose Ausländer und Paul Celan und werden in Material und
Struktur übersetzt. Die Sprache erscheint als Spur und Rhythmus, nicht als
Mitteilung. Carola Czempiks mittlerweile kanonisches Werk erweitert den Bildraum
kritisch - jede Schicht verweist auf verborgene Erinnerungsebenen und macht
Malerei, Zeichnung und Installationen zu einem Ort der Zeugenschaft – offen, fragil,
dem aktiven und sehr persönlichen Dialog verpflichtet.
Die Bild-Serie WARTET EINE ARCHE entstand im Dialog mit Rose Ausländers
Gedicht Arche aus Damit kein Licht uns liebe, in dem kosmische und biblische Bilder
wie Sterne, Mond und Sonne eine apokalyptische Welt entwerfen: Zerstörte Lichter,
verborgene Sonne und eine endlose Finsternis spiegeln die Erfahrung von Gewalt,
Verlust und sprachlicher Auslöschung.
Die Arche ist das Symbol des Überlebens, der Hoffnung und der Kontinuität jenseits
der Zerstörung. Carola Czempik übersetzt diese poetische Bildwelt in ein materielles
Gedächtnis: Die Schichtungen von Pigmenten, Granit, - Schiefer und
Bleistifttonmehl, Awagami-Papiere, Spitze, Zwirn, Wachs, Kunststoff, Gaze und Acryl
auf Leinwand überschreiben, fragmentieren, lassen verschwinden und machen die
Farbgründe wieder erkennbar – nicht um Bedeutung zu illustrieren, sondern
um Vibrationen und Resonanzen von Trauma und Erinnerung zu zeigen. Die
Malmittel werden bei Carola Czempik Träger historischer und physischer Spuren, die
im Prozess des Übermalens und Wegschabens Geschichte und Zeit scheinbar
sichtbar werden lassen. Die Arche erscheint auf der Leinwand nicht als konkrete
Figuration, sondern als Lücke, Schicht oder Spur, ein Raum des Wartens, der sich
erst langsam erschließt und indem Traumata, Beschädigung und Hoffnung in ihren
Brüchen, Lücken und Wiederholungen auf Oberfläche und Untergrund gleichzeitig
existieren. WARTET EINE ARCHE ist eine materialisierte Resonanz von Rose
Ausländers Poesie, ein Raum, in dem die Vergangenheit, das Überleben und die
Hoffnung auf Zukunft gleichzeitig steht.
Der Titel EH DIE ZEIT ANFING 2 eröffnet einen Raum, der radikal vor der
Geschichte liegt. Das „eh“ markiert ein Vorher, eine Zeit, die erst beginnt, nachdem
etwas unwiederbringlich verloren ging. Es ist ein Moment vor Gewalt, vor politischer
Zuschreibung, vor Sprache, wie wir sie kennen. Im Gedicht Zuvor begreift Rose
Ausländer die Bukowina (Toponym) als Erinnerungslandschaft, nicht als
geographischen Ort. Ihre Erinnerungen an Kindheit, Mehrsprachigkeit, kulturelle
Dichte erscheinen unwiederbringlich zerstört; das „Zuvor“ ist kein nostalgisches
Zurück, sondern ein poetisches Festhalten dessen, was nur noch in der Sprache
existiert – ein letzter sprachlicher Rettungsversuch gegen das Verschwinden.
Carola Czempik übersetzt diese poetische Erfahrung in Malerei. Wie Rose Ausländer
verweigert die Arbeit eine sentimentale Rekonstruktion: Zeit erscheint in der Malerei
wieder als Sediment, nicht als Fortschritt, Heimat als post-geografischer,
erinnerbarer Raum. Wie Ausländers Gedicht ist Czempiks Malerei kein Abschluss,
sondern ein Raum, in dem sich Erinnerung und Schweigen, Verlust und Bewahrung
überlagern. Das Davor ist verloren, und doch verschwindet es nicht sprach- und
bildlos. Rose Ausländer schreibt das Zuvor, Carola Czempik malt den Raum, in dem
dieses Zuvor noch vibriert – als Zeugnis von fragiler Erinnerung, Überleben und
poetischer Präsenz.
Die Installation KADDISH. KEINE STIMME – EIN SPÄTGERÄUSCH (2021–2025) _
eine Gedenkarbeit - work in progress - ist ebenfalls eine komplexe
Auseinandersetzung mit Erinnerung, Sprache und Überleben nach traumatischen
Erfahrungen. Kaddisch ist ein jüdisches Totengebet, das traditionell im Gedenken an
Verstorbene gesprochen wird. Es lobt Gott und bewahrt zugleich die Erinnerung an
Verstorbene, ohne den Tod selbst zu beschreiben. In der jüdischen Praxis ist das
Kaddisch ein Ritual des Erinnerns und der Kontinuität, das Trauernden hilft, Verlust
zu verarbeiten und die Verbindung zu den Verstorbenen nicht zu verlieren.
Die Installation bewegt sich zwischen Skulptur, Materialpoetik und räumlicher Poesie
in elf einzelnen Objekten, gefertigt aus Karton, Pigmenten, Mineralien, Tonerden,
Baumwollgazen, Flachs, Garn, Spitze und Wachspapier. Die Materialien tragen die
Spuren von Zeit, Vergänglichkeit und Geschichte, wirken zugleich fragil und intensiv,
und erzeugen im Zusammenspiel eine räumliche und poetische Spannung. Die
Arbeit steht im bewussten Dialog mit Paul Celans Gedicht Stimmen im Innern der
Arche. Hier thematisiert Celan das Überleben und die Nachwirkungen von
Zerstörung: Die „Arche“ fungiert als innerer Schutzraum, in dem Stimmen existieren,
die nur noch fragmentarisch und teilweise unhörbar sind. Carola Czempik überträgt
diese Erfahrung in den materiellen Raum: Die Objekte sind stumm, doch durch ihre
Fragmentierung, Variation in Größe und Textur erinnern sie an die Suche nach den
inneren Stimmen Celans. Anordnung und Materialität der Objekte (die selbst Träger
von Erinnerung sind) lassen sie zu einem materiellen Gedächtnis werden: Pigmente
und Mineralien markieren Spuren des Vergangenen, Textilien wie Gaze, Flachs und
Spitze erzeugen Verletzlichkeit und Intimität, Wachspapier lässt Licht und Schatten
wirken. Die elf Objekte stehen nicht narrativ zusammen, sondern bilden ein
Ensemble von Spuren, die vom Publikum aktiviert werden müssen. Auch damit greift
Carola Czempik einen poetischen Ansatz Celans auf, indem Erinnerung und Sprache
nur bruchstückhaft und in Nachklängen existieren.
Die Fotoserie BITTERE BIENEN 1–4, 2023 ist der Auftakt einer 20-teiligen Arbeit,
realisiert auf Hahnemühle Photo Silk Baryta X. Im Dialog mit Rose Ausländers
Gedicht PHÖNIX, indem die Bienen zu Trägern existenzieller und poetischer Motive
werden, transformiert Carola Czempik literarische Bilder in visuelle Metaphern. Wie
der Phönix aus der Asche ersteht, spiegeln die Bilder Zyklen von Zerstörung,
Vergänglichkeit und Wiederkehr wider. Die Bienen stehen als fragile, produktive
Wesen und zugleich als stechende, „bittere“ Präsenz, für das Spannungsfeld
zwischen Gefahr und Überleben, Verlust und Kontinuität.
Die seit 2025 entstehende mehrteilige Gedenkarbeit NACHTIGALLENBLUT
verortet sich im Kontext der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen.
Die Installation besteht aus 121 Teilen, die ein fragiles und eindringliches Ensemble
bilden, das systematische Gewalt, Leid und Auslöschung menschlichen Lebens
sowie den Tod thematisiert.
Zwischen 1939 und 1942 wurden im deutschen Reich mehr als 300.000 Erwachsene
behinderte Menschen, darunter auch Tausende Kinder ermordet. Die Arbeit sucht
die Spuren des Unfassbaren und arbeitet mit der Materialität als Gedächtnis: Farbe,
Pigmente und Oberflächen werden zu Trägern von Erinnerung und Zeugenschaft. In
ihrer Fragmentierung spiegeln die Einzelteile die Individualität der Opfer und
zugleich die Kontinuität der historischen Erinnerung. Archiv- und Textfragmente, das
Verweben unterschiedlichster künstlerischer Materialien und Techniken erzeugen
eine poetische Resonanz, die das dröhnende Schweigen der Geschichte hörbar und
zeitweise kaum aushaltbar macht. Als Betrachter:innen werden wir in einen sensiblen
Dialog über Gewalt, Verlust und Erinnerung eingeladen, in einen zeitgenössischen
Erinnerungsraum, indem die Künstlerin es schafft, den Opfern eine Stimme zu
geben, manchmal sogar einen Namen und ein Gesicht.
Die Installation NACHTIGALLENBLUT ist ein beharrliches Plädoyer für die
Notwendigkeit des wiederständigen Erinnerns. (Historikerin Mirjam Zadoff,
München)
Carola Czempiks Werk sucht anders als dokumentarische Darstellungen in Malerei,
Papierarbeiten, Objekten und Performances nach ästhetischen und poetischen
Formen, um in verdichteten Räumen aus organischen und mineralischen Materialien,
Farbe und Text, die Spuren von Abwesenheit, Trauma und Opfererfahrung sichtbar
zu machen und die Zerbrechlichkeit von Leben und Erinnerung in poetischen
Gedächtnislandschaften zu reflektieren.
Sprache ist in vielen ihrer Kunstwerke ein Leitmotiv – sie erscheint fragmentarisch,
überschrieben, teilweise ausgelöscht. Worte werden zu Resonanzen des
Vergangenen, ähnlich wie bei den Künstler:innen On Kawara, Jenny Holzer oder
frühen Wortarbeiten von Rosmarie Trockel, in denen Text nicht nur Information,
sondern Material und poetisches Werkzeug ist.
Konsequent übersetzt sie in ihrem Werk poetische Fragmente in materialisierte
Erfahrung, ohne zu illustrieren. Ihre Kunst bewahrt Zeugenschaft, ohne zu erklären,
sie legt offen, ohne zu vervollständigen und sie zeigt großen Mut, indem sie sich in
Zeiten revisionistischer Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen kritisch
mit den Dimensionen von Geschichte und Erinnerung auseinandersetzt und mit
entschieden gegen Vergessen und Verharmlosung historischer Gewalt appelliert.
Petra Schmidt Dreyblatt, Januar 2026