In der Dorfsprache – so schien es mir als Kind – lagen bei allen Leuten um mich herum die Worte direkt auf den Dingen, die sie bezeichneten. Die Dinge hießengenauso, wie sie waren, und sie waren genauso, wie sie hießen. Ein für immer geschlossenes Einverständnis. Es gab für die meisten Leute keine Lücken, durchdie man zwischen Wort und Gegenstand hindurch schauen und ins Nichts starren musste, als rutsche man aus seiner Haut ins Leere.1 Das schreibt Herta Müller in ihrem Essay „In jeder Sprache sitzen andere Augen“ über den Umgang mit Sprache im Dorf ihrer Kindheit. Und schon damals traut sie dieser Eindeutigkeit, dieser Eindimensionalität und Gleichmacherei nicht. Schon damals beginnt sie, die Dinge auf ihren Gehalt abzuklopfen, nach diesem Nichts, in dem vielleicht die Subjektivität einen Platz findet oder sich ein Interpretationsspielraum auftut.Ich kniff mir blaue Flecken in die Haut, um zu erfahren, was für Material diese Beine und Arme sind und wann Gott sein Material von mir zurückhaben will. Ich aß Blätter und Blüten, damit sie mit meiner Zunge verwandt sind. Ich redete sie mit ihren Namen an. [...] Der Name „Milchdistel“ sollte wirklich die Stachelige Pflanze mit der Milch in den Stielen sein. Aber der Name war der Pflanze nicht recht, sie hörte nicht drauf. Ich versuchte es mit erfundenen Namen: „Stachelrippe“, „Nadelhals“, in denen weder „Milch“ noch „Distel“ vorkam. Im Betrug aller falschen Namen vor der richtigen Pflanze tat sich die Lücke ins Leere auf.2 Die kleine Herta tritt mit ihrem noch sehr begrenzten Vokabular in einen Dialog mit den Dingen, gewährt ihnen Veränderlichkeit, gewährt ihnen einen doppelten Boden und auch Widerborstigkeit. Sie tritt in einen Dialog mit ihnen, nicht zuletzt um die Wirkung der Dinge auf sich selbst zu entdecken.Die Künstlerin Carola Czempik und die Musikerin Alexa Renger pflegen seit mehreren Jahren ihren Dialog miteinander – ein Work-in-progress, zu dem beide in ihrer Sprache mit einem lang entwickelten und eigenständigen Vokabular beitragen. Oft schalten sich dritte und vierte Stimmen ein: eine Blockflöte, ein Cello, elektronische Klänge. Nun aber haben die Malerin und die Violinistin erstmals nur zu zweit gearbeitet: eine Konzentration, die für Czempik Kontinuität und Sicherheit in den mitunter aufreibenden Arbeitsprozess bringt. Die Geige selbst als Instrument, aber insbesondere auch die Klarheit des Ausgangspunktes und der Richtung, die Czempik im Spiel von Renger findet, stärken den Mut zur Veräußerung.Alexa Renger spielt, Carola Czempik hört und lässt gleichzeitig Zeichnungen entstehen, in denen sich die gestischen Klangäußerungen niederschlagen, ohne je einfach abgebildet zu werden. „Notationen“ nennt Czempik, was dabei entsteht, nicht Skizzen. Und wenn Renger 1 Müller, Herta: In jeder Sprache sitzen andere Auguen, aus: Der König verneigt sich und tötet, S. Fischer, Frankfurt a.M., 2008, 3. Aufl., S. 72 Müller, Herta: In jeder Sprache sitzen andere Auguen, aus: Der König verneigt sich und tötet, S. Fischer, Frankfurt a.M., 2008, 3. Aufl., S. 11
heute erneut in den Dialog tritt mit den Werken, die in der Folge dieser „Notationen“ entstanden sind, sieht sie darin keine „Partituren“, sondern Tore.Diese Tore, die heute hier hängen, wird Regner nacheinander durchschreiten, vielleicht einige mehrfach, vielleicht andere auslassend. Die Reihenfolge ist nicht festgelegt, der Raum, dessen Klang, und die Umgebung, bestimmen sie mit, und was Renger hinter diesen Toren vorfindet, bleibt ihr Geheimnis. Vielleicht Terrane, zwei vollkommen unterschiedlich beschaffene Erdmassen, die sich ineinander verschieben oder gegeneinander, die knirschend in den Dialog treten miteinander, oder in einen krachenden Streit um den gemeinsamen Raum. Die politische Dimension – der Kampf um Raum, die gewaltsame Angliederung an einen neuen Raum – ist dabei durchaus mitgedacht, wird aber nie Anlass für ein Narrativ. Was Renger hinter den Toren vorfindet, bleibt ihr Geheimnis. Aber das Erlebte überführt sie mit ihrem reichen Klangvokabular, das von einem berstend satten Ton bis hin zu geräuschhaften Impulsen reicht, ins Hörbare. Schönheit steht dabei nicht im Vordergrund, ganz im Gegenteil muss das Hässliche oder Unbequeme, Irritierende seinen Platz darin haben. Renger hat nicht den Anspruch, dem Hörenden zu berichten oder ihn durch ihre Augen auf Czempiks Werke blicken zu lassen. Mit ihren Improvisationen möchte sie eine weitere Umgebung für die Erkundung des Gesehenen schaffen, zusätzlich zur Stille eines Galeriebesuchs an einem verregneten Nachmittag oder zum Plauderton, der uns heute während der Vernissage umgeben wird.Anders als Herta Müller kneift oder isst Renger nicht die Dinge, um ihre Materialität zu erkunden. Sie nennt ihre Methode, die Dinge auf ihren Gehalt abzuklopfen „Augenhören“. Anders als Müller sucht sie den Dingen auch keine neuen Namen, um zu schauen, was sie in Schwingung versetzt – obwohl sie manchmal trotzdem ungesucht einen eigenen Namen für siefindet. Viel wichtiger aber ist, dass zum Beispiel dieses Bild, das Renger für sich selbst den „Gelbling“ getauft hat, für mich mit seinen leichten, hellen Tönen ein deutliches Sirren von sich gibt. Für sie jedoch knattert dieser „Gelbling“. So sind ihre Improvisationen eine Einladung an die Besucher, das Gesehene mit dem Gehörten zu verbinden, es auf sich wirken zu lassen und die leere Stelle hinter der Milchdistel zu entdecken, in der jede eigene Sichtweise ihren Platz findet.

Lisa D. Nolte
Musikwissenschaftlerin