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Carola Czempik

Index

  1. Poesie der Materie von Jo Eckhardt, Galeristin, Berlin
  2. Laudatio von Andrea Richter Mahlo, Kunsthistorikerin, Leipzig
  3. Farbe und Transparenz von Constanze Albrecht, Kunsthistorikerin, Berlin
  4. Stein_zeichen von Ernst Schneider, Künstler und Galerist/Ottersweier (Baden)
  5. flieg ich von Michaela Nolte, Journalistin, Autorin und Kuratorin, Berlin
  6. Windwechsel von Michaela Nolte, Journalistin, Autorin und Kuratorin, Berlin
  7. Ganz Innen von Annette Göschel, Kunstpädagogin, Kunsthof Galm
  8. MATERIA von Michaela Nolte, Journalistin, Autorin und Kuratorin, Berlin


MATERIA
Auszüge aus der Rede zur Ausstellungseröffnung MATERIA in der Galerie Mönch Berlin am 14. April 2018, Carola Czempik mit Reiner Mährlein

In der Philosophie der Urstoffe unterscheidet Aristoteles zwischen der „Materia prima“ und der „Materia secunda“. Erstere ist nicht dinglich, sondern als metaphysisches Prinzip die Grundlage der vier Elemente, aus denen sich alles Stoffliche, alle Substanzen entfalten. Während die „Materia secunda“ bereits geformte Materie ist, also die einzelnen Dinge an sich, die sowohl aus Materie als auch aus Form bestehen.

Es geht also nicht nur um Material im Sinne des Werkstoffs, sondern im Hinblick auf die Substanz um die metaphysische Beschaffenheit und Wandelbarkeit von Materie. Es geht mithin um uralte, substanzielle Fragen. In einer Zeit, in der sich die Dinge ins Stofflos-Virtuelle verlagern – digitale Hardware immer winziger und unser Handeln und Denken zunehmend von unsichtbaren Algorithmen gelenkt wird –, ist der Rückgriff auf die Vergangenheit durch den künstlerischen Blick der Gegenwart eine wichtige Möglichkeit, die Imaginationsräume der Zukunft anders zu sehen und vielleicht auch zu gestalten.

„Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit“, heißt es bei Ludwig Wittgenstein.
„Den Gegenständen entsprechen im Bild die Elemente des Bildes.
Wenngleich auf eine sehr subtile Art, so möchte ich behaupten, dass Carola Czempik die Bedingungen und Grenzen der Malerei auf den Kopf stellt. Die Künstlerin probt weder den Aufstand durch den Ausstieg aus dem Bild wie Jackson Pollock oder Janis Kounellis in den 1950er-Jahren noch den radikalen Schnitt in die Leinwand à la Lucio Fontana.

Czempik respektiert die autonome Grenze des Tafelbilds. Aber sie erweitert es in die Tiefe des Raumes, zieht den Betrachter vom ersten Moment an in den Bildraum hinein. In Windsbraut oder Haus der Gewässer – die zunächst relativ monochrom wirken – muss das Auge unter die Oberfläche vordringen, um sie zu ergründen. Ihr flirrend differenziertes Farbenspiel will in der reduzierten Tonalität erst entdeckt werden. Die Farbe selbst wird zum Gegenstand. Übrigens setzt Wittgenstein im Tractatus logico-philosophicus die Farbe mit „Färbigkeit“ gleich. Ein treffender Begriff für Czempiks Malerei; denn in ihm klingt der Transformationsprozess an, den sie der Farbe angedeihen lässt. Genau genommen, kann man hier nicht von Farb-Auftrag sprechen. Vielmehr seziert und analysiert Carola Czempik den Gegenstand Farbe, moduliert und überlagert ihn zu diffizilen Schichtungen. Das Bild ist eine Tatsache.“ Ein weiterer zentraler Werkstoff ist Salz. Für Bilder wie Fluten oder Feste Wasser werden hauchfeine Papiere oder textile Gewebe wie Eukalyptus-Cellulose mit Salzlasuren bestrichen oder in Salzlauge eingelegt, getrocknet, wieder bestrichen, wieder eingelegt und wieder getrocknet. Manche der Bilder bestehen aus bis zu 20 Überlagerungen.

Aus diesen Materialexperimenten entsteht ein fruchtbarer Dialog der Stoffe untereinander. Ein Dialog, den die Künstlerin auf einer weiteren Ebene mit der Literatur führt. So ist die großformatige Serie Haus der Gewässer in der Auseinandersetzung mit Albert Camus’ Essay La Mer entstanden. Die 24-teilige Serie Dreh dich nicht um erinnert an den Kinderreim Plumpsack oder aber an die gleichnamige Kurzgeschichte von Daphne du Maurier, berühmt geworden in der Verfilmung von Nicolas Roeg Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Aus ihren Zwiegesprächen mit literarischen Vorlagen moduliert Carola Czempik krustige oder auch marmorne Strukturen, in denen sich Geschichten und Geschichte sedimentartig eingraben. Mal gegenständlich, mal abstrakt und immer non-linear. Dazwischen tauchen Wortfetzen auf, in denen die Sprache selbst geschichtet ist. Abstrahiert zu einer sehr freien Erzählung, in der jede der kleinformatigen Tafeln zu einer Kürzestgeschichte um das Leben und das Sehen, um Kindheit, Tod und Teufel – nicht nur in England oder Venedig – wird.

Michaela Nolte
Journalistin, Autorin und Kuratorin, Berlin

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