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Carola Czempik

Index

  1. Poesie der Materie von Jo Eckhardt, Galeristin, Berlin
  2. Laudatio von Andrea Richter Mahlo, Kunsthistorikerin, Leipzig
  3. Farbe und Transparenz von Constanze Albrecht, Kunsthistorikerin, Berlin
  4. Stein_zeichen von Ernst Schneider, Künstler und Galerist/Ottersweier (Baden)
  5. flieg ich von Michaela Nolte, Journalistin, Autorin und Kuratorin, Berlin
  6. Windwechsel von Michaela Nolte, Journalistin, Autorin und Kuratorin, Berlin
  7. Ganz Innen von Annette Göschel, Kunstpädagogin, Kunsthof Galm
  8. MATERIA von Michaela Nolte, Journalistin, Autorin und Kuratorin, Berlin


Farbe und Transparenz

"Das Leichte, das so schwer zu machen ist."
  Picasso

Künstlerisch zählt die bildliche Darstellung von Leichtigkeit, Transparenz und deren Abstraktion zu den schwierigsten Aufgaben für einen Künstler. Genau diese hat sich die Künstlerin gewählt und sich regelrecht als inneren Auftrag auferlegt. Denn leicht geht sie damit nicht um.

Carola Czempik ist in Hildesheim geboren, hat ein Studium des modernen Tanzes an der HdK Berlin, ein weiteres Studium der Germanistik und Theaterwissensenschaften an der FU Berlin absolviert und auf diesen Gebieten gearbeitet.

Mit fast 30 Jahren begann sie nochmals ein Studium der freien Malerei mit Abschluss als Meisterschülerin an der HdK Berlin. Es drängte sie massiv zu dieser kreativen Arbeit, die sie mit ungeheurer Ernsthaftigkeit und mit ihrer schon gesammelten Lebenserfahrung in sich aufnahm.

Sie hat sich ihren künstlerischen Darstellungskreis mit dem Durchleben ihrer ganzheitlichen Person, vom Kopf aber den Bauch bis zu den Händen, regelrecht erarbeitet. Ihre ganze Intensität hat sie den Ursprüngen der Menschheit gewidmet.

Ihre philosophischen Denklinien kreisen immer wieder um Mesopotamien, dem Urstromland, dem Beginn. Sie näherte sich dem jiddischem Kulturkreis, durchlebte den Holocaust anhand von Dokumenten und schloss ihm mit einer l-jährigen Arbeit ab. Obwohl nicht streng gläubig, nimmt sie die "Schöpfung" aus der Bibel täglich als Anregung, um sich immer wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Eine Anregung, ja ein Gebot für sich selbst, das ursprüngliche Tag für Tag aus allem Überflüssigen und Alltäglichen herauszufiltern. Darin hat sie ihre ganz persönliche Balance gefunden.

Auf diesem Fundament ruhend, kann sie ihre Themen ausloten und bearbeiten. Es war für sie zwingend, Teile aus der "Schöpfungsgeschichte" darzustellen. Wasser, Himmel, Erde, Pflanzen, Tiere und letztendlich der Mensch. Sie findet sehr reduzierte Formen als Gleichnis. In ihrer Formen Sprache hat sie sich in der gedanklichen Umsetzung auf archaische Urformen besonnen. Linien. Kreise. Rechtecke. Punkte sind ihr malerisches formales Gerüst mit dem sie ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleiht. Im Zyklus "Mesopotamien" ist sie ihrem Hang nach archäologischen Grundrissen nachgespürt. 3 halbkreisartige Gebetsnischen nach oben und nach unten geklappt quasi als Draufsicht ergeben die frühesten Ritual anlagen im Mittelmeerraum, symmetrisch als Anlage im unteren Teil und als mögliche Ansicht von vom im oberen Teil, sind sie ins Bild gesetzt. Dem reise- kundigen Betrachter stehen über noch andere Deutungsmöglichkeiten frei. Zum Beispiel ein Blick durch die Arkadennischen, hinter denen sich die flirrende Hitze und Sonne eines orientalischen Innenhofes widerspiegelt. Der Betrachter bleibt im hebräischen, irakischen, islamischen Deutungskreis, im Land weit vor unserer Zeit.

Bereist hat die Künstlerin all diese Länder noch nie, manche Enttäuschung in der Weiterentwicklung blieb ihr somit erspart. Denn all diese Gestaltungen entspringen ihrer plastischen Vorstellungskraft, Fantasie und, wie vielen Künstlern innewohnend, der vehementen Suche nach dem Ursprung.

Darin findet sich der umfangreiche Themenkomplex des "Hohen Liedes" Salomons aus dem alten Testament wieder. Die Details werden wieder neu zusammengesetzt, als "Bausteine des Lebens", sie werden immer wieder ''neugeschaffen", neugestaltet. So schließt sieh auch der nächste Themenkreis im Schäften der Künstlerin nahtlos an.

Der Beginn des Lebens, das Wachsen, das Aufblühen, das Verwelken, Reifen und letztlich das Vergehen. Selbst betroffen, als junge Mutter, ist sie für den natürlichen jahreszeitlichen Rhythmus als Gleichnis für das menschliche Leben, besonders empfänglich. In Materialbildern fängt sie dieses Phänomen ein und konserviert es so Ewigkeit. Der Anfang wird im besten Sinne aufgehoben, "bewahrt". Die Künstlerin hat in den Materialbildern Hanf als Ursprungspflanze bewahrt. Ein Naturmaterial, was sehr vielseitig verwendbar ist Sie hat damit gearbeitet und sich von daher für diese Pflanze entschieden. Aber welche Pflanze sie verarbeitet ist letztendlich egal. Im Zyklus "Schöpfung" legt sie dieses Material unter und "vergräbt" es regelrecht unter einer dicken Schicht Farbe, um es wie aus einer Bodenschicht neu sprießen zu lassen. Je nach Lichteinfall auf dieses Bild entsteht der Eindruck einer Wiese oder eines Waldes. Geführt wird das Auge durch einen etwas dunkleren Streifen in der Komposition, um den ewigen natürlichen Rhythmus in darüberliegenden Schicht wieder von vorn beginnen zu lassen. Haben wir uns bisher inhaltlich den Bildern genähert, so wenden wir uns jetzt der Farbe und deren Bearbeitung zu.

Die Farbe ist ein ganz wesentlicher Bestandteil in den Bildern von Carola Czempik. Sie fungiert als Bedeutungsträger. Viel Aufwand betreibt die Künstlerin. Sie hat eine individuelle Herstellung, Bearbeitung und Anwendung für sich entwickelt. Mit ganz dünnem Auftrag wird auf den Leinwänden Schicht um Schicht aufgetragen und getrocknet. Weißer Ton, Marmorstaub und Bindemittel sind die Grundlage, hinzukommen Acrylfarbpigmente. Die Leinwände werden mit zartem Japanpapier beklebt, Pflanzenreste aufgelegt. Mullstoff übergelegt und immer wieder wird eine Malhaut nach der anderen aufgetragen. Dann wird Wachs in die unterschiedliche Textur des Bildes mit der Hand eintrieben. Das nimmt der Farbe den Glanz und gibt ihr eine matte Stofflichkeit. Eine körperlich anstrengende Tätigkeit, den Acrylfarbe und Wachs müssen sehr kräftig miteinander verbunden werden. Mit diesem Arbeitsschritt entsteht die Transparenz in den Bildern der Künstlerin. Ist sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden, wird der Stoff abgezogen und ein neuer schöpferischer Prozess beginnt. Bis zu 20 Malhäute liegen somit übereinander und bis zu 4 Wochen dauert der Arbeitsprozess an einem Bild. Die Farbe wird nur an wenigen Stellen durch Kontur begrenzt. Die Farbe ist die Form. Reliefartige Gefüge innerhalb der Farben werden durch unterschiedliche Texturen erreicht. Wie auch immer kompliziert der Herstellungsprozess sein mag - die Farben glühen. Sie sind ein Fest fürs Auge. Sie sind rein, ursprünglich, obwohl gemischt, sie besinnen sich auf sich selbst. Die Künstlerin lässt das zu. Die Farbe als Kraft. Sie feiern sich selbst. Sie stehen für sich und reagieren auf Licht. Sie wandeln vom Rotbraun Bordeaurot, vom Türkis zum Hellblau und selbst die weißgrauen Arbeiten zur "Schöpfung'' tragen viele Farbnuancen in sich.

Constanze Albrecht
Kunsthistorikerin, Berlin

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